Der Schellenbaum

Der Schellenbaum des Lübbecker Bürgerschützen-Bataillons ist ein einzigartiges Wahrzeichen des Schützenzuges und wahrscheinlich schon über 180 Jahre alt.

Dieser Schellenbaum aus goldglänzendem Messing ist insgesamt 2,30 m hoch und wiegt fast 10 kg. Er besteht aus einem holzgefassten, langen Stab an dem drei glockenförmige Kuppeln angebracht sind, von deren Rändern Schellen und Glöckchen herab hängen. Verziert sind die Messingkuppeln durch unterschiedliche, durchbrochene Ornamente.

Zwischen der untersten, größten Kuppel und der Mittleren befindet sich eine liegende, ausladende Mondsichel, an der ebenfalls Glöckchen angebracht sind. Zwei prächtige Roßschweife, ein blau gefärbter und ein weißer, hängen von den nach oben gerichteten Enden der sichelförmigen Arme herab, die rechts und links jeweils von einem sechsstrahligen Stern - ähnlich dem im Lübbecker Wappen - geziert werden. Oben auf dem Schellenbaum thront ein großer preußischer Adler mit Königskrone und ausgebreiteten

Schwingen. Er trägt eine wattierte Wappenfahne im Schnabel, die auf der Vorderseite die Jahreszahl 1836 und auf der Rückseite das (alte) Lübbecker Wappen zeigt, jeweils in einem Blau und Weiß geteilten Schild. Zu jedem Schützenfest wird dem Adler zudem ein Buchsbaumkranz umgehängt.

Restaurierung in Berlin

All die ausgelassenen Schützenfeste, die der Schellenbaum schon mitgemacht hat und wohl auch die vielen Jahre und Jahrzehnte, die er dazwischen eingelagert war, haben mit der Zeit deutliche Spuren hinterlassen. Beulen und Blessuren sind nicht ausgeblieben und auch das alljährliche Putzen und Polieren ließ das Messing allmählich dünner werden. Als die Stabilität insgesamt nicht mehr zu gewährleisten war, beschloss das Schützen Offizierkorps auf Initiative des Schellenbaumträgers Friedrich Schüttenberg eine umfangreiche Restaurierung, um den Originalzustand erhalten zu können.

Von September 2010 bis März 2011 wurde der Schellenbaum durch den Kupferschmied und Restaurator Peter Trappen bei der Firma Haber & Brandner in Berlin fachgerecht restauriert. Beulen wurden sorgsam heraus getrimmt, Lötstellen erneuert und Risse mit Messing hinterlegt und stabilisiert. Fehlende Teile sind originalgetreu rekonstruiert und ersetzt worden.

Diese aufwändige und schwierige Restaurierung erforderte ein vollständiges Zerlegen des Schellenbaums, wodurch weitere alte Schäden und Reparaturen zu Tage traten, die ebenfalls überarbeitet wurden.
Auch die alte Schellenbaumfahne ist in diesem Zusammenhang durch ein Replikat ersetzt worden, da eine Aufarbeitung des Originals nicht möglich war.

Fertigstellung 2011


Auf dem Kommers des Schützenballes 2011 konnte das mittlerweile 175 Jahre alte Wahrzeichen des Schützenzuges dann in neuem Glanz präsentiert werden. Zur Anerkennung für seine Initiative und seinen Einsatz erhielt Friedrich Schüttenberg von der Stadt Lübbecke einen Ringkragen aus Silber, der fortan das Kennzeichen der Schellenbaumträger ist. Der Ringkragen ist mit dem Lübbecker Stadtwappen versehen und auf der Rückseite sind die Namen aller bisherigen Träger verewigt.

Seit dem Jahr 1836 befindet sich der Schellenbaum im Besitz des Lübbecker Bürgerschützen-Bataillons.

Das jedenfalls wird seit jeher aus der gleichlautenden Jahreszahl auf der Schellenbaumfahne abgeleitet, denn viel mehr ist über die Ursprünge dieses auffälligen Prunkstückes überraschenderweise nicht mehr bekannt. Einer der frühesten derzeit bekannten Belege für „einen Schellenbaum nebst Halter“ im Besitz des Lübbecker Bürgerschützen-Bataillons ist ein „Inventarium“, das unter dem 25. Dezember 1852 vom damaligen Bürgermeister und „Commandanten“ Strubberg im Protokollbuch des „Offizier Corps“ 1) niedergeschrieben wurde.

Stattdessen kursiert seit mindestens acht Jahrzehnten die Geschichte, dass „vor [damals] 100 Jahren der Schellenbaum zu Fuß von Osnabrück nach Lübbecke gebracht“ worden sei und zwar vom Bürger Meyer, wohnhaft Fünfhausen, worauf hin dieser auch zu dessen ersten Träger gemacht wurde. — So stand es anlässlich des hundertsten Jubiläums des Schellenbaumes, im Jahr 1936, in der Zeitung2).

Die Träger des Schellenbaums


Mangels anderer Quellen kann man versuchen die Geschichte des Schellenbaums anhand der Träger aus der Familie Meyer und deren Nachfahren zu beleuchten. Seit 1976 ist Friedrich Schüttenberg der Schellenbaumträger. Er hat diese Aufgabe von seinem Schwiegervater Richard Kühntopp übernommen, der sie 1950 bis 1975 erfüllt hat. Sein Vorgänger war wiederum dessen Schwiegervater, nämlich Hermann Meyer. Er trug den Schellenbaum zwischen

1922 und 1938, da in den Jahren 1939 bis 1949 keine Schützenfeste stattfanden.

Wie der genannte Zeitungsartikel ebenfalls berichtet, wurde die Familie Meyer 1936 für das Tragen des Schellenbaums in den vergangenen 100 Jahren geehrt. Hermann Meyer bekam eine noch heute erhaltene, goldene Taschenuhr mit Widmung des Lübbecker Schützen-Offizierkorps überreicht. Als weitere ehemalige Träger des Schellenbaums werden in diesem Bericht Hermann Meyers Vater Ernst und sein Großvater Heinrich genannt.

Ernst Meyer trug den Schellenbaum von 1881 bis 1914; von 1915 bis 1921 gab es keine Schützenfeste. Aus seinem 25. Dienstjubiläum als Schellenbaumträger, worüber die Zeitung am 16. Juli 1906 berichtete3), lässt sich sein erstes Jahr in diesem Amt eindeutig ableiten.

Schon für das Jahr 1865 findet sich in den Protokollen des Bürgerschützen-Bataillons4) eine Liste der Ausgaben für die Ausrichtung des Schützenfestes, in der u.a. aufgeführt ist, dass an „Meyer, für Schellenbaum Tragen & Putzen 1 [Thaler] 20 [Silbergroschen]“ gezahlt wurden.

Der hiermit gemeinte Schellenbaumträger wird dementsprechend sehr wahrscheinlich Heinrich Meyer gewesen sein, der 1814 im Haus Nummer 164 - heute Fünfhausen 7 - geboren wurde5). Seine Lebensdaten lassen es somit auch möglich erscheinen, dass Heinrich Meyer den Schellenbaum 1836 aus Osnabrück geholt hat, er war damals 22 Jahre alt. Als erster Träger des Schellenbaums hätte er diesen dann in den 44 Jahren von 1836 bis 1880 im Schützenzug getragen.

1)
„Nachricht von der Wiedereinführung des Scheibenschiessen in der Stadt Lübbecke 1823“, S. 120'
2)
Lübbecker Kreisblatt, 20.07.1936; Stadtarchiv Lübbecke
3)
Lübbecker Kreisblatt, 16.07.1906; Stadtarchiv Lübbecke
4)
vgl. Anm. 1), S. 159
5)
Stadtarchiv Lübbecke, Personenstandsbuch